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Freitag, März 14, 2008

Musikanten zu Fragen der Innen- und Außenpolitik #002

Besonders seit der Präsidentschaft von George W. Bush äußern sich in den letzten Jahren nicht nur in den USA wieder mehr Musiker zu politischen Themen. Der zugrunde liegende Sachverstand variiert dabei- ähnlich wie beim Rest der Bevölkerung- beträchtlich. Diese Rubrik versucht monatlich einen Überblick über politische Äußerungen von Pop-Acts in den Medien zu liefern.

Die Frankfurter Rundschau lässt Wolfgang Niedecken (BAP) in einem ganzen Artikel die Verdienste von Bundespräsident Köhler loben. So habe dieser durch seine Afrika-Politik dafür gesorgt, dass den Problemen dieses Kontinents heute mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als je zuvor. Der Sänger wünscht sich deshalb, dass Köhler 2009 wiedergewählt wird.

Neil Young
lästert im Interview mit der gleichen Zeitung mal wieder über die Bush-Administration. Andererseits glaubt er nicht mehr daran, dass Popmusik heutzutage politisch etwas bewegen könne, es sei deshalb an der Wissenschaft gesellschaftliche Veränderungen hervorzurufen. Er scheint dabei vor allem an die Naturwissenschaft (Stichwort Klimawandel) zu denken. Dies scheint etwas zu kurz gedacht, da die exakten Wissenschaften alleine keineswegs in der Lage, sind normative Fragen hinsichtlich der Richtung sozialen Wandels zu beantworten.

Selbst Billy Bragg möchte heutzutage lieber über seine persönlichen Songs definiert werden. Im Gespräch mit dem Stern plädiert er daneben dafür, Fragen der nationalen Zugehörigkeit nicht den Rechten zu überlassen. Ihm schwebt dabei ein Patriotismus vor, welcher keine fremdenfeindlichen Aussagen impliziert, sich nicht gegen andere Länder stellt und auch Migranten miteinschließt.

Im Faz-Interview mit Nick Cave beklagt dieser, dass die heutige laissez-faire-Gesellschaft daran Schuld sei, dass Musik weniger begeisternd ist. Dies läge daran, dass es kaum noch Dinge gebe, gegen die man ankämpfen könne.

Dies scheint jedoch keineswegs pauschal zu gelten. So berichtet der Stern darüber wie Björk mit dem Pro-Tibet-Song "Declare Independence" während eines Shanghai-Konzerts chinesische Behörden entzürnt hat. Bereits früher habe sich die Sängerin für eine Unabhängigkeit des Kosovos engagiert.

Um den aktuellen US-Vorwahlkampf kommt diese Rubrik natürlich auch diesen Monat nicht herum. Wie die Faz berichtet, kann Obama auf die Unterstützung "weiter Teile des Rhythm & Blues, Hip-Hop und Soul zählen": Stevie Wonder, Will Smith und Usher. Weitere Unterstützer: Elvis Costello, Jeff Tweedy (Wilco), Joan Baez und Joanna Newsom. Hillary Clinton favorisieren dagegen Madonna, Carly Simon, Tony Bennett, Barbra Streisand und Überraschung: 50 Cent & Merle Haggard. Auch Jon Bon Jovi hat sich mittlerweile für Hillary entschieden. Weiter wird über Wahlkampf-Musik diskutiert: Clinton hat mittlerweile auf den Celine Dion-Song, welcher per Abstimmung von ihren Anhängern gewählt wurde (hier bereits berichtet) verzichtet, zugunsten einer Bachmann Turner Overdrive-Nummer. Der republikanische Bewerber McCain hätte dagegen gerne Material von Tom Petty und John Mellencamp genommen, was von beiden allerdings harsch abgelehnt worden war. Obama greift dagegen bei seinen Auftritten auf alten Soul zurück. Trotz der großen Unterstützung aus dem Hip Hop-Lager wird auf dieses Genre jedoch weitgehend verzichtet. Es wird vermutet, die oft kontroversen Texte könnten die Wahlchancen schmälern.

Montag, Februar 18, 2008

Musikanten zu Fragen der Innen- und Außenpolitik #001

Besonders seit der Präsidentschaft von George W. Bush äußern sich in den letzten Jahren nicht nur in den USA wieder mehr Musiker zu politischen Themen. Der zugrunde liegende Sachverstand variiert dabei- ähnlich wie beim Rest der Bevölkerung- beträchtlich. Diese Rubrik versucht monatlich einen Überblick über politische Äußerungen von Pop-Acts in den Medien zu liefern.

Im Zündfunk-Interview berichtet Henry Rollins (Ex-Black Flag) ausführlich von seinem politischen Engagement. Wie Roderich Fabian erfährt, spendet er z.B. einen Teil seiner Album-Erlöse an gemeinnützige Bürgergruppen (Armut, Bürgerrechtsverletzungen, Drogen, Veteranen etc.). Gegen Ende des Interviews kommt er schließlich auf das aktuelle Thema "staatliches Rauchverbot", sowie seine kürzlichen Reisen durch arabische Länder zu sprechen.

Einen lesenswerten Artikel über "Irans heimliche Rockszene" findet man in der Faz. Also aus einem Land, indem jedwede musikalische Betätigung, zwangsläufig politisch scheint. Während das Regime Chris de Burgh demnächst "als ersten westlichen Rockstar" auftreten lassen wird, erfreut sich auch dort bei der Jugend Rap immer größerer Popularität.

Selbst Herr Jon Bon Jovi überraschte im Januar mit einigem politischen Sachverstand im Interview mit der Frankfurter Rundschau. Thematisiert wird die politische Lage in den USA, der aktuelle Wahlkampf etc., aber auch inwieweit Musiker sich politisch äußern sollten. Er selbst wird 2008 bei den Präsidentschaftswahlen (wieder) für die Demokraten stimmen, hat sich aber noch nicht für einen der Kandidaten entschieden.

Nachdem die Berliner egotronic in den letzten Monaten mit der provokanten Single "Raven gegen Deutschland" für Aufsehen gesorgt hatten, war es klar, dass sie über kurz oder lang, ausführlich über ihre konkreten politischen Ansichten Auskunft geben mussten. Im Interview mit der Wüsten Welle Tübingen wird deshalb mehr oder weniger kompetent, Stellung zur Ideologie der "Anti-Deutschen" innerhalb der deutschen Linken genommen.

Noch unkonkreter äußerte sich eigentlich nur noch Udo Jürgens: Dessen Äußerungen ("zu lasches Strafrecht"...) zum Thema "Gewaltbereitschaft bei Jungen mit Migrationshintergrund" waren selbst der nicht gerade als politikwissenschaftliche Fachzeitschrift bekannten Bild zu abstrakt.

Samstag, Dezember 22, 2007

2007: ...not another Jahresendabrechnung.

Na gut, muss wohl sein. Die unvermeidliche, höchst-subjektive Jahresbilanz, jeweils alphabetisch sortiert:
  • Alben des Jahres: Bloc Party-A Weekend In The City (Universal); Steve Earle-Washington Square Serenade (New West); Mark Olson-Salvation Blues (HackTone); Josh Rouse-Country Mouse City House (Netwerk); Mavis Staples-We'll Never Turn Back (Anti); Tracey Thorn-Out Of The Woods (Virgin)
  • Blog des Jahres:Any Major Dude With Half A Heart (hier)
  • Comeback des Jahres: Mittelwelle (wg. hier)
  • Entdeckung des Jahres: die ersten drei grauen Haare
  • Gegenstand des Jahres: MP3-Fahrrad-Tasche (hier)
  • Monate des Jahres: April (wg. hier), Mai (wg. hier)
  • Print-Reihe des Jahres: Peter Bieri: Wie wollen wir leben? Monatliche Kolumne in ZeitMagazin Leben (hier)
  • Radio-Sendung des Jahres: dradio Breitband (Ex-Blogspiel) (hier)
  • Soziologische Begriffe des Jahres: Digitale Bohème (hier); LOHAS (hier)
  • Stadt des Jahres: Barcelona (hier)
Auf jeden Fall blieb einem, zumindest aus ästhetischer Sicht, verglichen mit dem Vorjahr (vgl. hier), einiges erspart.

Samstag, Dezember 01, 2007

Zusammenhang zwischen politischer Einstellung und Musikgeschmack- War da mal was?

Der für seine Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Subkultur-Forschung bekannte Publizist Klaus Farin, hat einen interessanten Artikel in der Zeitschrift Das Parlament veröffentlicht: Er gibt Antworten auf die Frage, wie politisch heute noch Jugendkulturen sind. Im wesentlichen stellt er dabei fest, dass die Zugehörigkeit zu einer Subkultur heutzutage viel weniger gleichzeitig mit einer bestimmten politischen Einstellung verbunden sei. Während man früher nur in wenigen Subkulturen das ganze Spektrum von ganz links bis ganz rechts vorfinden konnte, sei dies heute in fast allen so:

"Auseinandersetzungen, die die Skinhead-Szene schon seit 20 Jahren führt, haben nun auch Hip-Hop, Techno, Punk, Gothic, Hardcore und viele andere Jugendkulturen erreicht."


Klaus Farin (2005). So schlimm wie bei den alten Griechen.Wie politisch sind Jugendkulturen heute?


Dazu einige Anmerkungen von mir:
  • Als Beispiel kann man hierfür sicherlich das Auftauchen von gewaltverherrlichenden, deutschnationalen Texten in der deutschen Hip-Hop-Szene nennen.
  • Auch lässt sich beim Surfen durch die User-Profile von Online-Communities wie z.B. studivz erkennen, dass eine politische Selbsteinstufung als "mitte-rechts" oder "konservativ" keineswegs eine Zuneigung zu (vormals) einschlägigen Musikgenres wie beispielsweise Punk, "Indie" oder Reggae ausschließt.
  • Ferner wurde in letzter Zeit immer wieder versucht, vormals linke Codes durch die extreme politische Rechte zu okkupieren. Sehr gut ist dies z.B. auf dem Cover der NPD-Schulhof-CD sichtbar.

Sonntag, November 25, 2007

Direkte Demokratie Reloaded?

Bei den australischen Parlamentswahlen ist am Wochenende eine neuartige Partei angetreten (via Basic Thinking). Das Ziel von "Senator On-Line" (SOL) war es bei einem Einzug in den Senat, ihr zukünftiges Abstimmungsverhalten jeweils vollständig vom Votum der Internetnutzer abhängig zu machen, d.h. die Partei lässt vor jeder anstehenden Senats-Entscheidung im Internet darüber abstimmen und stimmt im anschließend im Parlament entsprechend ab.
Neben einigen internetspezifischen Fragen (z.B. Verhindern von Mehrfachvoten, Internetuser als repräsentativer Querschnitt der Wahlberechtigten?), geht es also wieder mal um nichts anderes als um die alte Diskussion repräsentative vs. direkte Demokratie.

Jugend auf dem Land- eine soziologische Milieustudie

Es hat mich schon immer gewundert, dass trotz der Vielzahl der "Bindestrich-Soziologien", das Leben der Jugendlichen jenseits der Großstädte weitgehend unerforscht ist. Unten stehender Link verweist auf einen sehr lesenswerten Artikel aus einem Dossier der Zeit von Andrea Jeska. Obgleich es sich primär um eine journalistische Reportage handelt, stellt es im Grunde genommen, eine ernst zunehmende soziologische Milieustudie über typische Denk- und Handlungsmuster der Landjugend zwischen Schützenfest mit Blasmusik und Schaumparties mit Kirmestechno dar.

Andrea Jeska: Samstagabend auf dem Land (2007)


Dienstag, Januar 16, 2007

Seymour Martin Lipset (1922-2006)

Vor kurzem (31.12.2006) ist Seymour Martin Lipset an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Auch wenn über seinen Tod in der deutschsprachigen Presse so gut wie überhaupt nichts zu lesen war, muss man ihn zweifelsohne zu den wichtigsten Sozialwissenschaftlern des vergangenen Jahrhunderts zählen. Insbesondere seine 1967 zusammen mit Stein Rokkan erschienene Theorie der sozialen Konfliktlininien (Cleavage-Theory) liefert bis heute ein einflussreiches makro-soziologisches Erklärungsmodell für die Parteienforschung zur Erklärung von länderspezifischen Parteiensystemen:
Die Strukturen der westeuropäischen Parteiensysteme reflektieren demnach in erster Linie diejenigen gesellschaftlichen Konfliktlinien, die historisch auf die Prozesse der Nationswerdung und Industrialisierung zurückzuführen sind:
  • Arbeit vs. Kapital
  • Stadt vs. Land
  • Kirche vs. Staat
  • Zentrum vs. Peripherie
Je nachdem wie stark diese möglichen Konfliktlinien im Einzeln (noch) ausgeprägt sind, strukturieren sie das Parteiensystem eines Landes. Auch besteht die Möglichkeit, dass einzelne Konfliktlinien sich im Laufe der Zeit in modifizierter Form darstellen. So zeigt sich z.B. die Werte- Konfliktlinie (Kirche vs. Staat) heutzutage nicht mehr in erster Linie als Konflikt um die Trennung von Kirche und Staat, sondern stellt sich eher als nicht-ökonomisches Werte-/Lifestyle-Cleavage zwischen denjenigen, welche z.B. in Fragen der sexuellen Orientierung, der Akzeptanz multikultureller Lebensentwürfe eine weitgehenend liberale Laisser-Faire-Haltung einnehmen und solchen, welche sich in diesen Fragen stärkere Restriktionen durch die staatliche Authorität wünschen.

Das aktuelle Parteiensystem der BRD spiegelt demnach (mindestens) zwei voneinander inhaltlich zu trennende gesellschaftliche Konfliktlininen wieder:
  • Arbeit vs. Kapital
  • nicht-ökonomisches Werte-Cleavage
Leider werden auch heute immer noch in den meisten Medien diese beiden Einstellungsdimensionen in einen Topf geworfen. Jedoch schafft es nur eine Unterscheidung zwischen beiden beispielsweise zu erklären, weshalb "rechtsextreme Einstellungen unter Gewerkschaftsmitgliedern genauso verbreitet sind, wie unter Nicht-Mitgliedern" (Quelle).

Lipset M. Seymour / Rokkan Stein 1967: Party Systems and Voter Alignments: Cross-National Perspectives.
 

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